Regel Satz 3: Der Beter stellt im Gebet sein ganzes Denken und Wollen unter Gottes Urteil und Verheißung. Er bittet um Bereitschaft, seinem Herrn auf dem Wege des Kreuzes nachzufolgen. Sein Leben steht unter dem Zeichen des Kreuzes, dem Zeichen des Gerichts, dem Zeichen des Heils. Er betet in dem Glauben an die Kraft der Auferstehung Jesu Christi. So hat sein Gebet die volle Verheißung. Im Gebet bereitet sich der Bruder, den Weg der Nachfolge des Herrn zu gehen, er lässt an sich geschehen, was auf diesem Wege geschehen soll.
Meine Brüder!
Im vergangenen Jahr war ich mit einer Soldatengruppe in Verdun. Aus dem Turm des Beinhauses auf dem Douaumont sieht man über den gigantischen Soldatenfriedhof. Mehr als 300.000 Gefallene ruhen hier und in den Grüften des Beinhauses, in jedem Jahr findet man die Gebeine von 300 weiteren Gefallenen, die durch Erdbewegungen an die Oberfläche gelangen. Für mich ist das ein Ort von überwältigender Finsternis, gesteigert noch durch die Inszenierungen eines martialischen Identitätskultes, der erst in der jüngsten Zeit durch eine Überarbeitung zumindest der musealen Ausstellungen gebrochen wurde. Am liebsten möchte ich mich dieser ungeheuren Negativität entziehen, sie peinigt mich körperlich. So viel vergeblicher Schmerz, so viel zerbrochenes Leben.
All das ist auf dem Gräberfeld markiert mit „dem Zeichen des Kreuzes, dem Zeichen des Gerichts, dem Zeichen des Heils“: Zehntausende von weißen Kreuzen. Zwei Lesarten bieten sich hier an: Die eine versteht die Verwendung des Kreuzes als ideologischen Missbrauch, als Verklärung eines sinnlosen Massensterbens. Die andere Lesart aber, diejenige, zu der ich mich erst in einem inneren Anlauf durchringen muss, die ich aber für tragfähiger halte, ist folgende: allein das Kreuz macht diese Finsternis und Negativität wahrnehmbar, ja, und wohl auch tragbar.
Das Kreuz nicht nur als arbiträres Zeichen für den Tod, sondern als Symbol, das Anteil hat an einer größeren Wirklichkeit. Das Kreuz als Inbegriff des Weges des gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus und damit als Zeichen der Gegenwart des Lebendigen inmitten unserer selbstgewählten Finsternis. Das Kreuz ist aufgerichtet zu Häupten eines jeden Einzelnen dieser jungen Männer, auch wenn seine Gebeine ungeborgen in der Erde ruhen – und damit ist es aufgerichtet über jedem Leben und Sterben. Leben und Sterben ist SEIN, untersteht SEINEM Eigentumsanspruch.
Als Brüder sind wir bereit den Weg des Kreuzes zu gehen, uns dem Gericht unseres Herrn zu stellen, uns der Rettung unseres Herrn anzuvertrauen, uns SEINEM Eigentumsabspruch zu stellen. Auf dem geistlichen Weg bereiten wir uns (disponieren uns), das Kreuz unseres Lebens und Sterbens anzunehmen. Dieses Bereiten geschieht im Gebet, dem Gespräch unseres Herzens mit seinem Schöpfer und Erlöser, der „interior intimo meo“ (Augustin, Confessiones 3,6,11), innerlicher als mein Innerstes, ist. Wir weichen der Negativität und der überwältigenden Finsternis, die aus unserem eigenen Herzen aufsteigt, nicht aus. Dies ist das Motiv des Wächters aus dem Geistlichen Pfad. Der Karfreitag ermutigt, uns dieser Finsternis zu stellen – in SEINEM Licht.
Es grüßt Euch Euer Bruder Roger Mielke