Zum Regelsatz 10: „Unser Kampf fordert von jedem Bruder eine Lebensführung, wie sie Kämpfenden ziemt.“ – „Ein jeglicher, der da kämpft, enthält sich alles Dinges.“ – Der Bruder wacht darüber, daß er nicht unfrei wird und abhängig von irgendeinem Genußmittel oder einer Gewohnheit. – Er läßt sich nicht gehen. – Er übt Selbstzucht in dem, was er liest. – Er vermeidet es, sich zu zerstreuen, wo er sich erholen sollte. – Er wacht darüber, daß nicht wahllos alles durch das Tor der Sinne in seine Seele eindringt.
Meine Brüder,
Der Wochenspruch zum Sonntag Reminiscere – „Gott erweist Seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren“ (Röm. 5,8) – ist von einem Ernst geprägt, der auch die Worte des obigen Regelabschnittes bestimmt. Dieser Ernst erscheint auf dem Hintergrund einer Rede von Gott und den Menschen, wie sie in unserer Zeit selten und schwer zu fassen erscheint.
Paulus spricht von der Liebe Gottes, aber er spricht nicht vom „lieben Gott“. Er spricht von Menschen, die Sünder waren. Luther übersetzt „Gottlose“, Menschen, die nicht nach Gott fragten, ihre eigenen Herren sein wollten, sich selbst zu Göttern ihres Lebens machten. Ihre Selbstherrlichkeit erfüllt die Schöpfung mit Konkurrenz, Kälte und Egoismus, Streit und Krieg. Menschen erwarten vom „lieben Gott“, dass er dem Treiben dieser Gottlosen ein Ende setze, die Kriegstreiber strafe, den Egoismus dämpfe, die Streitsüchtigen zurückweise.
Doch von diesem „lieben Gott“ spricht Paulus nicht, er spricht von der Liebe Gottes. Er zeichnet das Bild Christi nach, der sich in die Hände dieser Gottlosen gab, der Gottes Gericht, unter dem jene stehen, auf sich selbst nahm. Das Evangelium des Sonntags sagt es uns so: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ (Joh. 3,16). – So hat es Gott gefallen, / so gibt er sich uns allen. / Das Ja erscheint im Nein, / der Sieg im Unterliegen, / der Segen im Versiegen, / die Liebe will verborgen sein (EG 94,4 – Manfred Schlenker).
In der Nachfolge des Gekreuzigten stehen die Christen in einer Welt, die von Gottlosigkeit, Not und Tod gekennzeichnet ist und in der doch das Evangelium von der Vergebung der Sünde und dem Sieg des Auferstandenen über den Tod verkündet wird. Der Apostel ruft uns dazu auf, mit Geduld auszuharren und so Bewährung zu finden, in der die Hoffnung aufblüht – nicht durch unseren starken Glauben, sondern durch die Liebe Gottes, die ausgegossen ist in unsere Herzen durch den Heiligen Geist (Röm. 5,1-5).
Der Kampf, der uns aufgetragen ist, verlangt keine kriegerischen Helden, sondern Menschen, die in der Nachfolge Christi Gottes Liebe in unserer Welt leben.
Eine gesegnete Passionszeit wünscht Euch
Euer Bruder Heiko Wulfert