„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allen, wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.“ (Joh 12, 24)
„Die Brüder wissen und bedenken, dass für die Erneuerung des gesamten kirchlichen und christlichen Lebens nichts nötiger und wertvoller ist als die Bildung lebendiger Zellen kirchlichen Lebens, die Eingliederung des Einzelnen in solche Kreise gemeinsamen Gebetes, wechselseitigen Dienstes und brüderliche Zucht, die Bildung solcher Stätten gemeinsamen Lebens, an denen leibhafte Kirche als eine tragende und verpflichtende Wirklichkeit erfahren wird.“ (Satz 55 Regel)
Das Evangelium dieses Sonntages berichtet von griechischen, also nicht-jüdischen Pilgern, die Jesus gern sehen möchten – mit welchen Motivationen auch immer. Pilger sind Menschen, die unterwegs sind auf der Suche und das Ziel liegt noch vor ihnen, vielleicht auch nur als verschwommenes Bild oder unbestimmte Ahnung und Sehnsucht.
Am Anfang der Berneuchener Bewegung, aus der unsere Bruderschaft hervorgegangen ist, stand die Bemühung um Menschen, die auf der Suche waren nach neuen Wegen und Erfahrungen für ihr inneres und äußeres Leben. Ihnen auf dieser Suche zu helfen, das war die Motivation für die geistlichen Wochen und Einkehrzeiten, die zu Brunnenstuben unserer Gemeinschaft wurden. Die Erfahrungen und Erkenntnisse, die dabei gewachsen sind, haben sich in dem Satz 55 unserer Regel niedergeschlagen.
Von lebendigen Zellen geistlichen Lebens ist darin die Rede: Solche Zellen stehen am Anfang und in ihnen sammelt sich was in den Menschenherzen durch Gottes Geist lebendig ist. Diese Kraft, die noch im kleinsten Weizenkorn gegenwärtig ist, lässt sie zusammenfinden und zusammenwachsen zu einem lebendigen Organismus. Aus solchen Zellen will Gott Kirche erneuern.
Wie lebenswichtig und wenig überholt erweisen sich solche Gedanken heute, wenn wir auf die gegenwärtige Kirche und ihre Not schauen: ist doch hinter vielem Planen und Ordnen wie ein Hintergrundrauschen ein resigniertes „weniger“ und „kleiner“ zu hören, welches die Zukunft bestimmen muss.
Der Wochenspruch und dieser Abschnitt aus der Regel schlagen einen anderen Grundton an: das Wenige und Kleine trägt in sich den Keim des Neuen. Es will und kann wachsen und Gemeinschaft stiften, auch deshalb, weil es noch nicht korrumpiert ist von Perfektionismus und Allmachtsphantasien.
Der Laetaresonntag macht Mut, Orte und Zeiten suchen, an denen Menschen zusammenfinden können, die allein unterwegs sind mit ihrer Sehnsucht nach Sinnhaftigkeit und erfülltem Leben. Solche Orte und Zeiten werden uns da zur Verfügung stehen, wo wir uns selbst zur Verfügung stellen. Ob es der Tisch in unserem Haus, ein Raum in unserer Gemeinde ist oder auch nur eine gemeinsame Wanderung: Menschen einladen und zusammenführen, das kann unser Beitrag zur Erneuerung der Kirche sein. Indem wir mit ihnen hören und reden, singen und Mahlgemeinschaft haben, kann neues Leben aus kleinsten Zellen wachsen.
Dass Zellen aber wachsen und sich vermehren, das wird am Ende nicht unser Werk sein; es ist Gabe des Geistes, der Jesus von den Toten auferweckt und gerade das sterbende Weizenkorn zur vielfältigen und vielgestaltigen Frucht reifen lässt.
Bruder Peter Schwarz
Foto: privat