Impuls in der Fastenzeit: Okuli – 3. Sonntag in der Fastenzeit

24. Bei Unstimmigkeiten wendet sich der Bruder an den Helfer seines Bruders, mit dem er in Spannung geraten ist, oder an seinen eigenen Helfer und bittet um Vermittlung. Die Brüder sollen freimütig ihre Überzeugung vertreten, aber sich fernhalten von aller anmaßenden und hartnäckigen Rechthaberei. Es darf sich keinerlei Unfrieden unter den Brüdern festsetzen. In erster Linie ist der Helfer verpflichtet, dem mit allem Ernst entgegenzutreten.

Meine Brüder!

Seit meiner Berufung in das Ältestenamt verwende ich einen nicht geringen Teil der Energie und Zeit, die ich neben meiner beruflichen Tätigkeit für bruderschaftliches Engagement zur Verfügung habe, für die Bearbeitung von Konflikten zwischen Brüdern. Wundert mich das? Ja und nein. Der gewichtige Satz 24 unserer Regel ist, so vermute ich, auch deswegen so gewichtig, weil er schon 1937 bitter nötig war: „Die Brüder sollen (…) sich fernhalten von aller anmaßenden und hartnäckigen Rechthaberei.“ Anmaßung und Rechthaberei waren wohl so selten nicht. Sind sie es heute?

Klar, da war eine Gruppe von Männern, denen ihr Anliegen, die Erneuerung der Kirche, so dringend und wichtig war, dass sie sich „im Kampf“ wussten. Sie erlebten, drücken wir es etwas abgerüsteter aus, Widerstand und Widerspruch. Die Lebensform Bruderschaft zieht bestimmte Charaktere an. Solche, die dem „Mainstream“ kritisch gegenüberstehen. Solche mit starken Überzeugungen. Von diesen Überzeugungen lebt natürlich unser bruderschaftliches Miteinander, von diesen Überzeugungen lebt auch der Dienst, den wir der Kirche leisten wollen. Die Brüder sollen „freimütig ihre Überzeugung vertreten“ , aber keine Rechthaber sein. Das heißt: Die Brüder sind weder Leisetreter noch Lautsprecher. Die biblische Tugend des Freimuts, der furchtlosen Offenheit (Parrhesia), ist Gabe des Heiligen Geistes, also auch Frucht des geistlichen Lebens. (vgl. etwa Apg 4,31) Aus dem Freimut erwächst das durchdringende Wort, die überzeugende Ausstrahlung. Damit bin ich bei einer bruderschaftlichen Grundhaltung: Auf dem geistlichen Weg, in einem Prozess geistlicher Übung wächst diese Grundhaltung der Parrhesia, sie ist Frucht des „exercitium humanum“. Nicht als Abrichtung oder Konditionierung (Foucault spricht von „Techniken des Selbst“), sondern als Disposition für das Wirken Gottes in unserem Leben. Einübung im Menschsein – dies ist die Ausrichtung und der Anspruch unseres Weges als Bruderschaft.

Ich komme zurück zu den Konflikten zwischen Brüdern. Wir können sie als ärgerliche Störungen und „Zwischenfälle“ beschreiben (das sind sie auch). Wir können sie aber auch als Ruf zur Sache verstehen. Sie helfen uns, wachsam zu sein und Selbstgefälligkeit zu vermeiden. Sie weisen mich (sehr persönlich!) darauf hin, dass ich auf Gottes Gnade und Vergebung angewiesen bin, dass ich erwachsen werden soll. Dafür brauche ich den Bruder.

Bleibt behütet in der Fastenzeit

Euer Bruder Roger Mielke

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