Impuls in der Fastenzeit: Invokavit – 1. Sonntag in der Fastenzeit

13. Bei schwierigen und widrigen Vorkommnissen, auch bei jeder Art von Unbill, die ihm angetan wird, übt sich der Bruder in Selbstbeherrschung, in Schweigen und Geduld. Der Bruder soll besonnen, gelassen, verschwiegen und gütig sein.

14. Der Bruder übt sich in der Zucht des Schweigens. Er weiß, dass nur aus der Stille das rechte Wort und die helfende Tat geboren wird.

Meine Brüder!

Recht sporadisch, aber doch immer wieder einmal schickt mir ein Gesprächspartner lange Mails mit folgendem Kommunikationsmuster: der erste Satz knüpft positiv an etwas an, das ich geschrieben oder gesagt habe. Mit dem zweiten Satz dann beginnt eine lange Klage und Anklage: Es ist schlecht um die Kirche bestellt; wenn man vom Mainstream abweicht, wird man ins Abseits gestellt; andere Aktivitäten, etwa das Sein in der Natur, sind weit intensivere Kraftquellen als das geistliche Leben.

Im Hintergrund dieses Musters steht, so vermute ich, eine tiefe Kränkung. In dieser Klage steckt erhebliche Energie, es steckt Widerstand darin. Das ist gut. Die Klage dient auch der Entlastung gegen die Zumutungen des Lebens. Mir ist sehr klar, dass die Wut ja irgendwo hinmuss. Sie braucht ihren Ort. Aber, so auch meine Selbstbeobachtung: Wenn ich der Wut Raum gebe, wird sie größer. Die Enttäuschung wächst je mehr Raum sie einnehmen darf.

Unsere Regel spricht von der geistlichen Übung der Selbstbeherrschung und von der „Zucht“ des Schweigens. „Zucht“ ist in der Sprache der alten Lutherbibel die Übersetzung des griechischen sophrosyne oder sophronismos (2. Tim 1,7), die Kardinaltugend der „Besonnenheit“ ist damit gemeint. Das ist keine stoizistische Haltung der Entkopplung von unseren Emotionen. Das Negative muss wahr und ernst genommen werden. Es darf aber, so eine alte Regel, nicht meditiert werden. Das heißt: Es darf nicht die bestimmende Kraft meines inneren Menschen werden; es darf keine Macht über mich gewinnen.

Die vier bruderschaftlichen Kardinaltugenden haben mich schon lange angesprochen: „besonnen, gelassen, verschwiegen und gütig“ soll der Bruder sein. So wäre ich gerne! Diese Haltungen bedürfen der Einübung. Wie jede Tugend werden sie nicht durch Wissen, sondern durch Übung erlernt und im Leben verankert. Deutlich ist: es geht in der Regel nicht darum, zum Unrecht zu schweigen, das strukturell ist oder einer anderen Person angetan wird. Mit „Unbill“ (was für ein schönes Wort!) ist der Umgang mit der eigenen Kränkung gemeint.

Besonnen: „be-dächtig“ und achtsam auf, das was mich zurücksetzt; „gelassen“: ich kann es loslassen auf Jesus Christus hin, der es für mich und mit mir trägt (1. Petr 5,7); „verschwiegen“: ich höre auf zu jammern, anzuklagen, und ich durchbreche, vor allem, das innere Kreisen der Gedanken; „gütig“: heiter, freundlich und zugewandt, mir selbst gegenüber und dem Menschen, dem ich begegne.

Bleibt behütet in der Fastenzeit

Euer Bruder Roger Mielke

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