Vor 100 Jahren erschien mit dem „Berneuchener Buch“ eine Programmschrift, die aus tiefer Sorge um Kirche und Gesellschaft entstanden war. Die Ausgabe 3/2026 der „Quatember – Vierteljahreshefte für Erneuerung und Einheit der Kirche“ stellt dieses Jubiläum in den Mittelpunkt. Heiko Wulfert geht es in seinem einführenden Beitrag dabei ausdrücklich nicht nur um historische Erinnerung. Er schlägt den Bogen von den kirchlichen und gesellschaftlichen Umbrüchen der 1920er-Jahre zu den Herausforderungen der Gegenwart.
Ein Warnungsruf, der zunächst kaum gehört wurde
Wulfert beginnt seine Einführung mit einem Rückblick Wilhelm Stählins. Dieser erinnerte sich 1968 an das 1926 erschienene „Berneuchener Buch“ und an die Enttäuschung über dessen damalige Aufnahme. Das Buch habe ein umfassendes Programm kirchlicher Erneuerung entwerfen und zugleich die Aufgabe der Kirche in der Welt beschreiben wollen. Doch der erhoffte Widerhall blieb aus. Stählin sprach rückblickend von einem „aus tiefer Sorge kommenden Warnungsruf“, der überhört worden sei.
Genau diese Sorge bildet für Wulfert den Schlüssel zum Verständnis des Buches. Es analysierte die Situation von Kirche und Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg und dem Ende des landesherrlichen Kirchentums in einer Zeit tiefgreifender Umbrüche. Dabei diagnostizierte es ein Versagen der Kirche in vielerlei Hinsicht und einen Mangel an gestaltender Kraft.
Die Antwort der Berneuchener bestand nicht allein in organisatorischen Reformen. Gesucht wurde, wie Wulfert hervorhebt, „ein Aufbruch aus der sakramentalen Mitte der Kirche“ – verbunden mit dem Anspruch, in die Gesellschaft hineinzuwirken und Christsein verbindlich zu leben.
Woher das Berneuchener Denken kommt
Wie dieser Aufbruch entstand, untersucht Julian Jöri ausführlich. Er führt zurück zu den ersten Berneuchener Konferenzen von 1923 bis 1925 und zur Jahresschrift „Gottesjahr“. Dabei widerspricht er einem verkürzten Verständnis Berneuchens als vor allem liturgischer Reformbewegung.
Am Anfang stand vielmehr die Erfahrung einer umfassenden Not von Kirche und Gesellschaft. Die Berneuchener beschäftigten der fehlende Zugang zum Gebet und zur Bibel ebenso wie die Frage, welche Rolle Kirche in Kultur und sozialem Zusammenleben spielen sollte. Aus dieser Suche entwickelten sich schließlich jene liturgischen Impulse, für die Berneuchen später bekannt wurde.
1926 fanden die Überlegungen im „Berneuchener Buch“ ihren programmatischen Ausdruck. Sein Untertitel formulierte den Anspruch deutlich: „Vom Anspruch des Evangeliums auf die Kirchen der Reformation“.
Was 1926 mit 2026 verbindet
Wulfert belässt es in seiner Einführung bewusst nicht bei diesem historischen Rückblick. Die Berneuchener Gemeinschaften hätten mit den Gedanken des Buches ihren eigenen Weg zurückgelegt und stünden auch 100 Jahre später für dessen Aktualität. Denn erneut seien Gesellschaft und Kirche von tiefgreifenden Umbrüchen geprägt.
Genau hier setzt Roger Mielke mit seinem Essay „Inseln der Kohärenz in einem Meer von Chaos“ an. Er liest das Berneuchener Buch als Orientierungsversuch in einer Zeitenwende und fragt nach seiner Bedeutung für die Gegenwart. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz, gesellschaftliche Polarisierung und die Schwäche von Institutionen verändern die Bedingungen, unter denen Menschen nach Orientierung und Gemeinschaft suchen.
Mielke greift dafür das Bild der „Inseln der Kohärenz“ auf: kleine, in sich stimmige Ordnungszusammenhänge in einer instabilen Umgebung. Geistliche Gemeinschaften könnten solche Orte sein – nicht als Rückzug aus der Welt, sondern als Räume, in denen Glaube in Gottesdienst, Gebet, Gemeinschaft und Lebensform Gestalt gewinnt.
Frieden als Herausforderung für Kirche und Gesellschaft
Dass die Ausgabe die gesellschaftliche Dimension des Berneuchener Denkens ernst nimmt, zeigt auch der umfangreiche Beitrag von Christoph Schneider-Harpprecht. Er beschäftigt sich mit der EKD-Friedensdenkschrift „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“ und setzt sich mit ihren Positionen zu Gewaltfreiheit, militärischer Friedenssicherung, Abschreckung und „rechtserhaltender Gewalt“ auseinander.
Damit greift das Heft eine zentrale kirchliche und gesellschaftliche Debatte der Gegenwart auf. Schneider-Harpprecht stellt die Argumentation der Denkschrift dar, benennt die daran geäußerte Kritik und formuliert seine eigene Position.
Von Martin Bucer bis Paul Gerhardt
Die von Wulfert in seiner Einführung beschriebene Weite des Heftes zeigt sich auch in den weiteren Beiträgen. Thomas Schanze widmet sich Martin Bucer, Petra Reitz beschäftigt sich mit Paul Gerhardt und dem neuen evangelischen Gesangbuch. Gérard Siegwalt formuliert Thesen zur Frage des Schicksals in der Theologie. Wolfgang Max nimmt in einer Liedpredigt Paul Gerhardts „Befiehl du deine Wege“ in den Blick. Rezensionen theologischer, philosophischer und historischer Neuerscheinungen ergänzen die Ausgabe.
Nicht nur Strukturen verändern
Am Ende seiner Einführung verdichtet Heiko Wulfert die historische Rückschau zu einer Aufgabe für die Gegenwart. Fünf Jahre nach Erscheinen des Berneuchener Buches wurde 1931 in Marburg die Evangelische Michaelsbruderschaft gegründet. 2031 wird sie ihr 100-jähriges Bestehen feiern.
Für Wulfert liegt die gegenwärtige Herausforderung der Kirche dabei ausdrücklich über notwendige Strukturveränderungen hinaus. Es gehe darum, die sakramentale Mitte zu bewahren, ein verpflichtetes Christsein in geschwisterlicher Gemeinschaft zu leben und der Welt das Zeugnis des Evangeliums nicht schuldig zu bleiben. Daraus erwachse zugleich gesellschaftliche Verantwortung: kritische Zeitgenossenschaft und die Suche nach Wegen zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.
Der Blick reicht dabei bereits über das Jubiläumsjahr hinaus. Für das 100-jährige Bestehen der Michaelsbruderschaft ist 2031 eine Buchveröffentlichung unter dem Titel „An der Kirche bauen“ geplant. Sie soll auch Rechenschaft darüber geben, inwieweit es gelungen ist, die Anliegen und Forderungen des Berneuchener Buches in gelebte Wirklichkeit umzusetzen.
Damit spannt die aktuelle „Quatember“-Ausgabe einen Bogen von 1926 über 2026 bis 2031. Die Frage, die das Berneuchener Buch vor 100 Jahren bewegte, bleibt dabei bemerkenswert gegenwärtig: Wie kann Kirche in einer Zeit des Umbruchs aus ihrer geistlichen Mitte leben – und gerade daraus Verantwortung für die Welt übernehmen?
Die aktuelle Ausgabe von Quatember finden Sie auf: www.quatember.org