Die Brüder wissen und bedenken, dass für die Erneuerung des gesamten kirchlichen und christlichen Lebens nichts nötiger und wertvoller ist als die Bildung lebendiger Zellen kirchlichen Lebens, die Eingliederung des Einzelnen in solche Kreise gemeinsamen Gebetes, wechselseitigen Dienstes und brüderliche Zucht, die Bildung solcher Stätten gemeinsamen Lebens, an denen leibhafte Kirche als eine tragende und verpflichtende Wirklichkeit erfahren wird.
Meine Brüder!
Zum Ostermorgen grüße ich Euch, am hellen, lichten, klaren Tag. Der Stein ist weggerollt: vom Grab Jesu, von den Gräbern unseres Lebens. Die Macht des Todes ist zerbrochen. Ich wünsche Euch ein herzhaftes Osterlachen. Wer, wenn nicht wir Christusleute, hat Grund zum Lachen. Das beigefügte Foto schoss ich vor Jahren auf einem Friedhof in Zittau: Die zerbrochene Grabplatte mit der Warnung, die Wege nicht zu verlassen. Bild und Botschaft passen nicht zusammen, ein Oxymoron, ein schwarzer Schimmel. Gerade weil die Grabplatte zerbrochen ist, Adam und Eva der Gruft entstiegen sind, dürfen und müssen wir doch die gewohnten Wege des alten Lebens verlassen und uns auf Erneuerung einlassen.
Unsere Regel macht uns zur Aufgabe, „lebendige Zellen kirchlichen Lebens“ zu bilden. In diesem Bild steckt eine aufschlussreiche Ambivalenz: In Zellen kann man sich und andere einmauern, die Zelle kann aber auch umgrenzter und eingefriedeter Ort gelingenden Lebens sein, „hortus conclusus“, ein Garten, in dem auch das wächst, was unter widrigen Bedingungen nicht gedeihen kann. Dieses Bild der Zelle gefällt mir, solange ich mitdenke, dass die „Zelle“ auch Türen hat, durch die man eintreten kann und die auch Ausgang sein können.
Das österliche Leben ist erneuertes Leben in einer „noch nicht erlösten Welt“ (Barmen V), die noch erfüllt ist von Seufzen und Angst der geknechteten und vergänglichen Kreatur (Römer 8,21.22). Dieses Seufzen und diese Angst kennen wir nur allzu gut von uns selbst und unserer eigenen Kreatürlichkeit. Davon dürfen wir uns aber den Blick nicht bannen lassen. Der Tod wird an Ostern verschlungen in den Sieg, das Seufzen der alten Kreatur verwandelt in das Lachen der neuen Schöpfung.
Nur aus dieser Kraftquelle dürfen wir es wagen, „leibhafte Kirche“ zu sein „als eine tragende und verpflichtende Wirklichkeit.“ Unsere Lebensform und Lebensordnung als Brüder ist keine Flucht in eine ästhetische Nebenwelt, sie ist ein geschenkter und doch auch hart umkämpfter und immer wieder zu erringender Raum erneuerten Lebens. Der österliche Sieg Jesu, sein Evangelium, seine Wegzehrung in der Eucharistie sind Kraftquellen, damit wir nicht zurückfallen in die natürliche Trägheit, in die Gespinste unserer Machtkämpfe und Konflikte. Dazu brauchen wir die brüderliche Gemeinschaft und die Gemeinde. Allein hat keiner von uns eine Chance, das Leben zu bewahren. Last uns würdigen, wie kostbar diese Gemeinschaft ist.
In österlicher Freude und Frieden grüßt Euch
Euer Bruder Roger Mielke